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Hinsehen
Elendsbilder sind schwer zu ertragen, finde ich. Aus Ostafrika, aus Haiti, von den Opfern in Utøya. Schon im Fernsehen schwer auszuhalten. Und erst recht, wenn man selber dabei ist. Bei schwer Kranken, Demenzkranken, Sterbenden. „Lass uns von was anderem reden, das zieht einen so runter.“ Und tatsächlich: Umschalten und Wegschauen wird uns leicht gemacht. Schon treten helle und positive Bilder an die Stelle. Schöne Menschen und Landschaften, tolle Angebote und Effekte.
Aber wo bleiben die anderen Bilder, was ist mit ihren Spuren in unserer Seele? Einer hat nicht weggeschaut und sich nicht vom Elend abgewendet. Darum geht es in den Wochen vor Ostern, in der Passionszeit. Passion heißt Leiden: Jesus ist den Weg des Leidens gegangen: zunächst zu den Notleidenden seiner Zeit. Aussätzige hat er berührt und geheilt, mit Ausgestoßenen hat er gefrühstückt. Dann ist er selber ans Kreuz gegangen.
Von „Blut, Schmach und Hohn“ reden die alten Passionslieder. Zugegeben: sie sind nicht leicht zu singen – aber doch voll mit den Bildern unserer Zeit. Das Blut der Gewaltopfer ist da mit drin. Die Schmach der im Stich Gelassenen. Der Hohn, den die Opfer der Diktaturen erleiden.
„Das größte Problem ist das Wegsehen“, las ich kürzlich. Das gilt in vieler Hinsicht. Aber die größte Hilfe ist es, wenn einer hinsieht. „Gott ist denen nahe, die ein zerbrochenes Herz haben“, schreibt ein Psalmbeter (Palm 34, 19). Er sieht hin und wendet sich zu. Auch uns. Und wenn wir das erfahren, kommt ein anderes Bild in Sicht. Es hat mit Ostern zu tun, mit österlicher Freude und mit einem neuen Hinsehen.
Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Passions- und Osterzeit!
Jürgen Kemper
Pastor der Dreifaltigkeitsgemeinde Hannover
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