15. August 2003
Wenn hohe Erwartungen in die Krise führen
Mehr als 1800 Menschen suchten 2002 Rat und Hilfe/Partnerschaftsprobleme bilden Schwerpunkt der Arbeit im Evangelischen Beratungszentrum
Eine steigende Nachfrage nach seinen Angeboten verzeichnete das Evangelische Beratungszentrum Oskar-Winter-Straße, eine Einrichtung des Diakonischen Werkes Stadtverband Hannover. Die jetzt vorliegende Auswertung der Arbeit im Jahr 2002 bestätigt den Trend der Vorjahre. Im vergangenen Jahr suchten dort 1810 Menschen Hilfe. Ein Jahr zuvor waren es noch 1737 Personen gewesen.
Das Beratungszentrum wird immer dann aufgesucht, wenn Menschen das Gefühl haben, mit ihren Problemen oder Schwierigkeiten allein nicht mehr fertig zu werden. Am häufigsten geht es um Krisen in der Ehe oder Partnerschaft (2002: 388-mal). Auch Familienkonflikte (200-mal) und Probleme aufgrund einer Trennung oder Scheidung (160-mal) sind oftmals zentrales Thema in den Gesprächen.
Schon seit Jahren fällt auf, wie viele Menschen Schwierigkeiten in ihrer Partnerschaft haben. Erstaunlich ist, dass Paare in der heutigen Zeit oft sehr schnell an Trennung denken. Immer noch steigen die Scheidungszahlen von Jahr zu Jahr (in Niedersachsen von 12 832 im Jahre 1992 auf 21 078 im Jahre 2002). Daher wird oft heute die Frage gestellt, ob eine feste Partnerschaft für viele Menschen keine große Bedeutung mehr hat.
Das Gegenteil scheint meist der Fall zu sein. In unseren Gesprächen wird interessanterweise deutlich, dass häufig gerade zu hohe Ansprüche und unrealistische Erwartungen Ursache des Scheiterns sind. Erfreulicherweise kann unsere Beratung vielen Paaren helfen, einen gemeinsamen Weg aus der Krise zu finden.
Fortgesetzt hat sich der Trend der vergangenen Jahre, dass immer mehr ältere Menschen das Beratungszentrum aufsuchen. Im Jahre 2002 kamen 105 Seniorinnen und Senioren, während es 1997 erst 33 gewesen sind. Der Anteil älterer Ratsuchender hat sich also in den vergangenen sechs Jahren mehr als verdreifacht.
Ein Blick in die Statistik zeigt deutlich, dass die Themen der Beratung gleichsam ein Spiegel der gesellschaftlichen Situation sind: Partnerschaftsprobleme, häufig mit der Konsequenz einer Trennung oder Scheidung, Probleme am Arbeitsplatz oder Folgen von Arbeitslosigkeit, Selbstwertprobleme und Depressionen. Oft geht es um die Suche nach Orientierung im privaten oder beruflichen Bereich. Häufig steht die Beschäftigung mit Sinnfragen im Mittelpunkt der Gespräche. Die Symptome vieler Menschen sind ein Seismograf struktureller Veränderungen in Familie und Gesellschaft.
Das Ev. Beratungszentrum Oskar-Winter-Straße leistet einen wichtigen Beitrag, Menschen in Krisen zu helfen. Seine Tätigkeit ist Teil des diakonischen, seelsorgerlichen Handelns der Kirche und eine Ergänzung anderer kirchlicher Angebote für Menschen in Konfliktsituationen. Allen Ratsuchenden wird psychologische Hilfestellung angeboten, unabhängig davon, ob sie zur evangelischen Kirche gehören oder nicht. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterliegen der Schweigepflicht, alle Gespräche werden vertraulich behandelt.
Dipl. Psych. Axel Kreutzmann, Leiter des Beratungszentrums
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