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16. November 2005
Ausstellung würdigt Widerstandskämpfer

Treffpunktreihe zu Kurt Gerstein in der Marktkirche

Kurt Gerstein

„Widerstand in SS-Uniform“ ist die neue Ausstellung in der Marktkirche untertitelt, die Kurt Gerstein und seiner Rolle im Nationalsozialismus gewidmet ist. Fotos und Dokumente sind vom 2. bis 16. November zu sehen. Eine Treffpunktreihe (jeweils mittwochs von 17 bis 18 Uhr) begleitet die Ausstellung, die täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet ist.

Gerstein (1905 im westfälischen Münster geboren) studierte nach dem Abitur Bergbau und wurde als Diplom-Ingenieur Bergassessor. Als Mitglied der Bekennenden Kirche war er einer der Führer der deutschen Schülerbibelkreise und lege sich bald mit den nationalsozialistischen Machthabern zunächst auf dem Gebiet der Kirchenpolitik an. Propaganda für die Bekennende Kirche führte zu zwei Verhaftungen, zum Ausschluss aus der NSDAP und zum Berufsverbot.

Gerstein schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und begann, in Tübingen Medizin zu studieren. 1941 entschloss er sich zum Eintritt in die SS, um einen Blick hinter die Kulissen in die „Feueröfen des Bösen“ zu tun. Er wollte Genaueres über die Euthanasie und die Judenvernichtung erfahren. Als Leiter der Abteilung Gesundheitstechnik im SS-Hygieneamt machte er schnell Karriere. Im August 1942 erlebte er in Belzek und Treblinka die Vergasung von Juden, worauf er sofort begann, die schwedische und die schweizerische Botschaft, deutsche Kirchenführer und über den holländischen Widerstand die Alliierten in London zu informieren.

Ferner versuchte Gerstein, Zyklon B-Lieferungen über sich selbst zu lenken und sie zu sabotieren. Diese Widerstandshandlungen sind zuverlässig bezeugt, auch wenn sie am Ende ergebnislos bleiben. Bei Kriegsende stellte sich Gerstein der französischen Armee und schrieb in der Internierung seinen berühmten Augenzeugenbericht über die von ihm beobachteten Gräuel in Belzek und Treblinka. Als Kriegsverbrecher angeklagt, wurde er in das Pariser Militärgefängnis Cherche-Midi überführt, wo er – an dem Widerspruch zwischen seiner Rolle als Zeuge der Naziverbrechen und der Anklage, selbst an Kriegsverbrechen teilgenommen zu haben, zerbrochen – am 25. Juli 1945 wenige Tage vor seinem 40. Geburtstag Selbstmord beging. Sein Grab ist nicht bekannt.

Die Einstufung als Mitläufer und Mittäter hat Gerstein auch in der Nachkriegszeit lange begleitet. Erst 1963 wurde er rehabilitiert. Seine Rolle als Widerstandskämpfer wurde immer mehr anerkannt. Biographische Arbeiten wurden über ihn geschrieben und seine Rolle auch in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand wurde gewürdigt.

Vor allem Rolf Hochhuths Stück „Der Stellvertreter“ (1963) trug zur Rehabilitierung Gersteins bei. Auf diesem Stück beruht der Spielfilm von Costa-Gavras „Der Stellvertreter“, in dem Kurt Gerstein nun ganz im Mittelpunkt steht. Der Film nimmt sowohl fiktive Elemente (so Gersteins Vorstoß gegen die Judenvernichtung beim Vatikan und bei Papst Pius XII.) als auch Fakten aus dem Leben Gersteins auf. Gespielt wird Kurt Gerstein im Film von Ulrich Tukur.

Mit Ausstellung und Film begegnen sich die Gestalt der Zeitgeschichte Kurt Gerstein und die fiktive Person Kurt Gersteins; bei aller „Zwiespältigkeit des Guten“ hat so der „Spion Gottes“ und „Zeuge des Holocaust“ Kurt Gerstein (so drei Buchtitel seiner Biographien) endlich die öffentliche Anerkennung gefunden.

Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit des Landeskirchlichen Archivs Bielefeld, der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und des Förderkreises Kurt Gerstein entstanden. Zunächst in der Gedenkstätte Berlin ist sie bisher mit großem Erfolg in vielen deutschen Städten und auch in der französischen Hauptstadt Paris gezeigt worden.

Zur Eröffnung der Ausstellung am Mittwoch, 2. November, spricht der Leiter des Landeskirchlichen Archives der ev. Kirche in Westfalen, Professor Dr. Bernd Hey über Leben und Widerstand Kurt Gersteins.

Gerstein im Spannungsfeld zwischen bekennender Kirche und SS ist am 9. November Thema des Treffpunktes Marktkirche. Als Referent wird dazu Professor Dr. Joachim Perels vom Institut für politische Wissenschaften der Universität Hannover erwartet.

Aus dem Hochhut-Stück „Der Stellvertreter“ liest Christine Razum am Mittwoch, 16. November zum Ende der Ausstellung. Eine Einführung in das Theaterstück gibt Pastorin Hanna Kreisel-Liebermann.

Alle drei Treffpunkte beginnen um 17 Uhr in der Marktkirche. Der Eintritt ist frei.






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