06. März 2008
Die Telefonseelsorge hat immer ein offenes Ohr
Fast 20.000 Anrufer im vergangenen Jahr. Ehrenamtliche Helfer werden gesucht. Finanzielle Situation wird schwieriger.
Die Sprachlosigkeit der Menschen in Deutschland nimmt zu, über ein Drittel der Bevölkerung lebt inzwischen in Single-Haushalten. Soziale Netze brechen auseinander und viele haben niemanden mehr, mit dem sie sprechen können oder der einem einfach zuhört. Pastor Dieter Klages, Leiter der Telefonseelsorge unter Trägerschaft des Ev.-luth. Stadtkirchenverbandes Hannover, berichtet von dem Anruf einer alten Frau, die sagte: „Ich muss mit Ihnen reden, damit ich das Sprechen nicht verlerne“.
19.680 Anrufe – und damit so viele wie nie zuvor - hat die Telefonseelsorge Hannover im vergangenen Jahr angenommen, 54 Gespräche am Tag. Die Hauptprobleme der Anrufer liegen in Partnerschaft, psychischer Erkrankung, körperlichen Beschwerden, Familie und Einsamkeit. Dabei geht es den meisten Hilfesuchenden nicht primär um die Lösung des Problems, sondern viel mehr darum, ein Ärgernis losgeworden zu sein oder einmal Luft ablassen zu können. „Auch ich kann natürlich nicht immer Lösungen anbieten“, sagt Anke Wenzel, stellvertretende Leiterin der Telefonseelsorge. Aber Anke Wenzel, Pastor Klages und die 95 ehrenamtlichen Helfer können zuhören, Tipps geben und auch mal loben: „Vielen ist geholfen, wenn man sie bestärkt, einen Weg weiterzugehen oder ihnen sagt, dass sie sich in einer Situation richtig verhalten haben“, ergänzt Anke Wenzel.
Das wichtigste Merkmal der Telefonseelsorge ist die Anonymität. „Kein Anrufer kann sein Gesicht verlieren, da es nicht zu sehen ist“, weiß Pastor Klages und fügt hinzu, dass die Anrufer ganz schnell zum Thema kommen – „meistens nach zehn Sekunden“. Manche der Hilfesuchenden rufen nur einmal an, manche immer wieder, wenn sie eine Situation nicht alleine bewältigen können. Über die Hälfte der Anrufer sind Frauen, viele sind allein lebend, die größte Anrufergruppe ist zwischen 40 und 60 Jahren alt. Aber die Klientel der Telefonseelsorge ändert sich. Kinder und Jugendliche nutzten den Service in der Vergangenheit praktisch nicht, inzwischen liegt der Anteil unter 20jährigen bei 20 Prozent, sie wollen vor allem über Freundschaft, Sexualität, Eltern oder Schule sprechen.
Wurde früher ausschließlich vom Festnetzanschluss telefoniert, liegt der Anteil derer, die vom Mobiltelefon anrufen heute bei 70 Prozent, berichtet Pastor Klages. Das ermöglicht den Anrufern ungestört zu sprechen, ohne dass es dabei zu einer hohen Handyrechnung kommt, denn der Anruf bei der Telefonseelsorge ist gebührenfrei. Seit 1997 trägt die Telekom die Gesprächskosten, 2007 waren das über drei Millionen Euro. Die Telekom hat außerdem eine Rufnummernunterdrückung eingerichtet, dadurch ist absolute Anonymität gewährleistet, kein Anruf kann zurückverfolgt werden.
Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge werden sorgfältig ausgewählt und zwei Jahre ausgebildet, nach einem Jahr beginnen sie mit der Arbeit am Telefon. Insgesamt umfasst die Schulung 320 Stunden. Die Hälfte der ehrenamtlich Arbeitenden in Hannover ist berufstätig, überwiegend sind es Frauen. Wer sich für dieses Ehrenamt entscheidet, muss laut Pastor Klages vor allem Verlässlichkeit mitbringen, denn die ständige Erreichbarkeit darf nie gefährdet werden. Jeder Ehrenamtliche verpflichtet sich pro Jahr 26 Dienste zu übernehmen, fünf davon in der Nacht. Viele der Helfer bleiben der Telefonseelsorge lange treu, einige sogar über 25 Jahre. Dennoch ist immer wieder Nachwuchs vonnöten. Im September beginnt eine neue Ausbildungsgruppe, Pastor Klages freut sich über weitere Interessenten, die „eine reizvolle Aufgabe mit vielfältigen Themen“ erwartet.
Im Zuge der allgemeinen Kürzungen wird die finanzielle Situation der Telefonseelsorge schwieriger. Zwar erhalten die ehrenamtlichen Mitarbeiter kein Gehalt, ihnen werden aber zumindest die Fahrtkosten erstattet. Weitere Kosten fallen für Dozenten bei Fortbildungen an und schließlich muss auch die Miete der Einrichtung bezahlt werden. Daher bittet Pastor Klages, durch Spenden den Fortbestand der Telefonseelsorge zu sichern.
Die Telefonseelsorge gibt es seit 1953, ins Leben gerufen wurde sie von einem anglikanischen Pastor in London, der darunter litt, dass täglich drei Menschen in seiner Stadt Selbstmord verübten. 1956 wurde unter dem Namen „Ärztliche Lebensmüdenbetreuung“ in Berlin die erste deutsche Telefonseelsorge eingerichtet, damals die deutsche Stadt mit der höchsten Selbstmordrate. Als achte deutsche Einrichtung folgte 1961 die hannoversche Stelle, inzwischen existieren bundesweit 104 Stellen. Nach einer Untersuchung der Universität Pforzheim ist die Telefonseelsorge in Deutschland genau so bekannt wie Coca Cola.
Die bundeseinheitlichen Rufnummern der Telefonseelsorge, die automatisch mit einer Stelle in der Region des Anrufers verbinden, sind: 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222. Die Telefonseelsorge ist 24 Stunden am Tag erreichbar, auch an Sonn- und Feiertagen.
Spenden für die Telefonseelsorge können geleistet werden bei der Stadtkirchenkasse, Kto-Nr. 6114, Evang. Kreditgenossenschaft eG, BLZ 250 607 01, Verwendungszweck: Spende Telefonseelsorge
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