14. Mai 2008
Bischöfin: Gemeinsam gegen Kinderarmut
Stadtkirchentag folgt Aufruf und unterstützt Projekte
Kinder in Deutschland sind zunehmend von Armut betroffen. War in den sechziger Jahren noch jedes 75. Kind auf Sozialhilfe angewiesen, betrifft dies heute jedes sechste Kind unter sieben Jahren.
Landesbeschöfin Dr. Margot Käßmann sprach am Mittwochabend vor dem Stadtkirchentag in Hannover zum Thema „Kindern Mut machen – gegen Kinderarmut“. Der Geldmangel von Eltern wirke sich zunehmend auf die Entwicklung ihrer Kinder aus, die sich ungesund ernährten, einen hohen Medienkonsum und nur mangelhafte Ausbildungschancen hätten und mehr und mehr in isolierten Wohnvierteln unter sich blieben.
Schon bei der Einschulung würden die sozialen Unterschiede zwischen den Schülern deutlich. „Die einen kommen in neuen Nike-Turnschuhen, die anderen in alten Gummistiefeln“, sagte die Landesbischöfin. Die Erstausstattung eines Schülers kostet heute 633,40 Euro, ein Betrag den sich arbeitslose Eltern ohne Zuschüsse nicht leisten können. Um Abhilfe zu schaffen, soll die Aktion „Schulranzen für alle“ ins Leben gerufen werden.
Käßmann sprach auch über die Mittagsverpflegung in Ganztagsschulen. Die Kosten für ein Essen liegen dort zwischen 2,50 und 4 Euro. Laut ALG 2-Satz stehen Kindern bis 13 Jahren aber nur 2,57 Euro täglich für Lebensmittel zu, was dazu führt, dass arme Kinder häufig hungrig bleiben. Käßmann empfindet es als „inakzeptabel, dass die einen in der Schule Mittag essen und die anderen vor der Tür stehen“. Hier sollten die Kirchengemeinden unbürokratisch helfen.
Die Landesbischöfin forderte Kommunen und Verbände auf, gemeinsam gegen Kinderarmut anzutreten. Die Überwindung dieses Missstandes liege nicht nur in kirchlichem, sondern auch in gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Interesse. Ziel der Initiative sei auch, eine politische Bewusstseinsänderung zu erreichen, damit den Betroffenen zukünftig wirksamer durch den Staat geholfen wird.
Ähnlich äußerte sich Diakoniepastor Hans-Martin Joost: „Kirche kann nicht Lückenbüßer für gesellschaftliche Missstände sein“, sagte der Leiter des Diakonischen Werkes des Stadtkirchenverbandes Hannover. Er warb für das Projekt Nightingale (Nachtigall), das Kindern und Jugendlichen helfen soll, Selbstbewusstsein zu erlernen. Wie sollen junge Menschen ihr Leben in die Hand nehmen, wenn es ihnen an Selbstbewußtsein fehlt und sie nie das Gefühl erhalten, gebraucht zu werden? „Die Nachtigall beginnt zu singen, wenn sie sich sicher fühlt“, erklärt Joost. Diese Sicherheit sollen erwachsene Helfer den Heranwachsenden vermitteln, indem sie sich verpflichten, acht Monate lang wöchentlich zwei Stunden mit armen Kindern oder Kindern mit Migrationshintergrund zu verbringen. Dabei sind die verschiedensten Aktivitäten denkbar: Vorlesen, gemeinsames Singen oder Backen und auch Spaziergänge.
Nach anschließender Diskussion beschloss der Stadtkirchentag ohne Gegenstimmen und bei nur vier Enthaltungen die Bildung eines Arbeitskreises, der das Projekt „Kindern Mut machen – gegen Kinderarmut“ konkretisieren und den Finanzbedarf ermitteln soll. Der Initiative sollen jährlich maximal 50.000 Euro zur Verfügung stehen.
(David Spoo)
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