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18. Juni 2008
Die Vorfreude auf den zweiten Frühling

Verwaltungschef Christian Hacke startet auf einer Hochalm in den Ruhestand

Oberkirchenrat Christian Hacke

Das Jahr 1960: Im Schweizer Kanton Genf erhalten Frauen das Stimmrecht. Willy Brandt regiert als Bürgermeister in Berlin. Der Bau des Assuan-Staudamms beginnt. Michael Ende veröffentlicht „Jim Knopf“. In Hamburg treten die Beatles auf. Am 1. April des Jahres beginnt Christian Hacke seine Verwaltungslehre in der Stadtkirchenkanzlei. Jetzt, fast ein halbes Jahrhundert später, wird er als deren langjähriger und erfolgreicher Leiter in den Ruhestand verabschiedet.

Mehr als 30 Jahre davon hat Christian Hacke die Entwicklung des Evangelisch-lutherischen Stadtkirchenverbandes Hannover maßgeblich mitgestaltet. Seit 20 Jahren ist er als Chef der Stadtkirchenkanzlei der Leiter dessen zentraler Verwaltung. Nun steht sein Abschied bevor. Ein Jahr vor dem Erreichen der Altersgrenze, doch „ich wollte es jetzt“, hat Christian Hacke entschieden. Denn: “Das Haus ist gut bestellt, und der Haushalt ist geordnet.“

Ein guter Zeitpunkt, um zu gehen, befindet der 64-Jährige, der ebenso konsequent, wie er arbeitet, auch seinen Wechsel in den Ruhestand gestaltet. Mitten aus dem Berufsleben zieht sich Hacke für mindestens zwei Monate in die Abgeschiedenheit der Berge zurück. Auf einer Hochalm in den Alpen will er über den Sommer zur Ruhe kommen und nach neuen Perspektiven suchen.

Für Gottesdienst und Empfang zu seiner Verabschiedung hat sich Oberkirchenrat Christian Hacke einen Ort gewählt, der einerseits seinem Idealbild von Kirche – „lebendig, offen, liebenswürdig und zukunftszugewandt“ – entspricht, andererseits aber auch eines der herausragenden Projekte seiner Dienstzeit ist. Gefeiert wird am Mittwoch, 18. Juni, ab 17 Uhr in der Jugendkirche. Deren Arbeit in der für diese Aufgabe bis 2004 aufwändig umgebauten Lutherkirche in der hannoverschen Nordstadt liegt dem scheidenden Leiter der Stadtkirchenkanzlei besonders am Herzen. Auch, dass sie über die zunächst auf fünf Jahre begrenzte Projektphase hinaus ab Herbst 2009 weitergeführt werden kann. Entsprechend freut sich Christian Hacke zu seiner Verabschiedung über Spenden für die Jugendkirche.

Im Rückblick ist das Berufsleben mit Höhepunkten und Herausforderungen reich bestückt gewesen, zieht Christian Hacke eine Bilanz der „48 Jahre in einem Beruf, den ich so nie wollte.“ Im Frühling 1944 hatte er im schlesischen Hermsdorf das Licht der Welt erblickt. Die Unruhe des Krieges ließ die Familie flüchten und in Bevern bei Holzminden 1946 ein neues Zuhause finden. Die Zwangseinweisung der Hackes in ein Pfarrhaus führte später zum prägenden Kontakt mit der Kirche und ihrer Musik. Mit zehn Jahren wurde der Knabe Christian vom Grundschüler in Bevern zum Gymnasiasten in Holzminden. 1955 machte ein Berufswechsel des Vaters einen Umzug nötig, dem vier Jahre später mit dem plötzlichen Tod des Vaters ein schwerer Schicksalsschlag mit tiefgreifenden Konsequenzen folgte. Christian Hacke verließ die Kreis-Mittelschule in Gronau/Leine 1960 mit dem Zeugnis der Mittleren Reife. Die erforderliche Berufstätigkeit der Mutter brachte die Familie nach Hannover, und die beruflichen Pläne des Heranwachsenden, der seine Zukunft als Kirchenmusiker und Diakon sah, mussten den besonderen Umständen geopfert werden. So führte der Weg in die Verwaltung des Stadtkirchenverbandes Hannover, denn „für alles andere war ich zu jung“, erklärt Hacke die damalige Wahl des Ausbildungsplatzes.

Die Erkenntnis, dass mit der vermeintlichen Notlösung doch beruflich der Nagel auf den Kopf getroffen war, reifte schnell, denn der Auszubildende lernte flott, gründlich und mit zunehmender Begeisterung, Nach zweieinhalb Jahren wurde er mit bestandener Abschlussprüfung in der Stadtkirchenkasse eingesetzt. Dem kompetenten, vorausschauenden und verantwortungsbewussten Umgang mit eigenem und anvertrautem Geld ist auch Hackes Entscheidung geschuldet, die Stadtkirchenkanzlei nach drei Jahren zu verlassen, um im Landeskirchenamt (LKA) die Laufbahn zum Inspektoranwärter einzuschlagen: „Die Ausbildungsvergütung lag über dem Lohn in der Kanzlei.“

Während seiner Jahre im LKA gelang Christian Hacke noch einmal die berufliche Annäherung an die Musik, als er mit dem Schwerpunkt Orgelbau, Gesangbuchpflege und Agenden im Dezernat für Gottesdienst und Kirchenmusik tätig war. Fast wäre es ihm gelungen, sich durch eine Ausbildung zum Orgelbauer berufliche Zusatzqualifikationen zu erwerben. „Aus kirchenpolitischen Gründen wurde dieser Wunsch schließlich verweigert“, klingt noch heute Bedauern durch.

Inzwischen verheiratet – und heute Vater von vier Kindern – wurde es Mitte der 70er Jahre wieder einmal Zeit für Veränderungen. Der gute Kontakt zu Emil Schulze, der im Sommer 1977 neuer Leiter der Stadtkirchenkanzlei wurde, förderte den Wunsch nach weiterer Zusammenarbeit. So wechselte Christian Hacke zum 1. Januar 1977 zunächst abgeordnet und ab 1. Juli offiziell versetzt als Hauptabteilungsleiter in die Kanzlei, wo er bereits neun Monate später zum Stellvertreter des Chefs Emil Schulze wurde und weitere zehn Jahre darauf dessen Nachfolger.

Zwei Dekaden in dieser Position klingen nun aus und gewiss noch lange nach. Denn die Herausforderungen, Aufgaben und Initiativen der Ära Hacke haben für lange Zeit entscheidende Weichen im Stadtkirchenverband gestellt. Zum einen sind es die grundlegenden Funktionen und Strukturen, die Hacke als solide Basis für eine effektive Verwaltung für unverzichtbar hält. Zeitgerechte Lösung aller Aufgaben, Vereinfachung der Verwaltungsabläufe, Einführung und kontinuierliche Modernisierung der Datenverarbeitung, vorausschauende Haushaltsplanung und optimiertes Kapitalmanagement sind Stichworte, die das Bemühen um eine schlagkräftige Verwaltung skizzieren. „Aktuell werden rund 60 Prozent der Personalkosten der Kanzlei über Drittleistungen für externe Auftraggeber erwirtschaftet“, untermauert Hacke den Erfolg mit handfesten Zahlen. So, wie es ihm am liebsten ist.

Zum anderen war und ist das Engagement des scheidenden Chefs der Kanzlei nie auf das eigene Haus beschränkt gewesen. Sein Ziel einer zukunftszugewandten und zukunftsfähigen Kirche mit klaren Positionen führte zum vielfältigen Einsatz über die Mauern der Kanzlei und die Grenzen des Stadtkirchenverbandes hinaus. Entscheidende Mitwirkung in vielen kirchlichen und weltlichen Arbeitsfeldern auf kommunaler ebenso wie auf überregionaler Ebene haben Christian Hacke als verlässlichen und kompetenten Verhandlungs- und Gesprächspartner etabliert. Im Temperament besonnen, aber in der Sache konsequent und zielstrebig: So schätzen ihn Menschen, die ihm begegnen.

Die mehr als drei Jahrzehnte, in denen Christian Hacke leitend in der Kanzlei tätig war, bieten reichlich Stoff für Rückblick, Bilanz und Wertung. Der künftige Ruheständler nennt nach eigenem Ermessen einige Höhepunkte seiner Amtszeit: Der Neubau der Stadtkirchenkanzlei an der Hildesheimer Straße zwischen 1990 und 1992, der erste Innovationsfonds 1996, große Kunstausstellungen in der Kanzlei – herausragend dabei die Werkschau von Erich Grün mit „Elias“ – , die frühe Präsenz des Verbandes im Internet ab 1998, der Beginn des Gebäudemanagements 1999, die Strukturreform des Verbandes mit der Einführung des Stadtkirchentages 2001 in der Marktkirche, die 100-Jahr-Feier des Verbandes im Congress-Centrum 2002, die Eröffnung der Jugendkirche 2004, und schließlich – unter dem massiven Druck sinkender Finanzmittel – die neue Stellenrahmenplanung ab 2009 mit entscheidender Vorarbeit in der AG Zukunft..

Obwohl sich die Möglichkeiten für Innovation und Gestaltung angesichts des Zwangs zur finanziellen Zurückhaltung immer mehr einschränken, „macht mir meine Arbeit noch immer viel Spaß“, sagt Christian Hacke zum Ende seines Berufslebens. Er lobt ausdrücklich sein hochmotiviertes Team in der Kanzlei, mit dem „sich noch immer viel bewegen lässt.“

Während er dem Stadtkirchenverband ans Herz legt, den eingeschlagenen Reform- und Sparkurs konsequent, kraft- und phantasievoll weiter zu gehen, zieht Hacke mit Gottesdienst und Empfang zu seiner Verabschiedung einen klaren Schlussstrich. Nach dem Monty-Python-Motto „And now for something completely different” wechselt er abrupt die Szenerie und reist in die Berge Österreichs. Auf der Hochalm eines Bauern, mit dem Hacke seit vielen Jahren befreundet ist, sucht er in rund 1600 Metern Höhe Ruhe und Abstand.

„Auf der rund zehn Quadratkilometer großen Alm gibt es nur einige wenige Plätze, an denen das Handy Empfang hat“, freut sich der künftige Pensionär auf Unerreichbarkeit. In einer Umgebung mit purer Natur und auf ein Minimum reduziertem Komfort will Hacke möglichst den ganzen Sommer verbringen. Einzige Aufgabe: Ihm sind 40 Jungrinder anvertraut. „Ich will jedes Tier mindestens einmal in der Woche sehen, um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung ist“, formuliert der Teilzeit-Senner sein Ziel.

Eine Ausnahme bei allem Verzicht auf Bequemlichkeiten gönnt sich Christian Hacke aber doch: Ein CD- Player mit einem großen Vorrat an Barockklängen und Batterien fährt mit auf die Alm. Außer auf unbegrenzten Musikgenuss, viel Zeit zum Lesen und lange Wanderungen freut sich der 64-Jährige auf ein besonderes Erlebnis: Den zweiten Frühling. „Dort oben wechseln die Jahreszeiten mit erheblicher Verzögerung. Wenn ich Ende Juni auf der Alm ankomme, beginnt dort erst das Frühjahr. Und ich habe die Muße, das Erwachen der Natur unmittelbar zu erleben.“ (Joachim Stever)

Stadtsuperintendent Wolfgang Puschmann (links) und die Präsidentin des Stadtkirchentages, Professorin Roseline B. Forch (rechts), verabschiedeten Oberkirchenrat Christian Hacke (Mitte) im Namen des Stadtkirchenverbandes in den Ruhestand. Der Einsatz des scheidenden Chefs der Stadtkirchenkanzlei für die Diakonie wurde vom Diakonischen Werk Deutschlands mit dessen höchster Auszeichnung, dem Kronenkreuz in Gold, gewürdigt. (Fotos: Stever)

Kraftvolle Bläserklänge von der Empore: Der Posaunenchor der Stadtmission Hannover begleitete den Gottesdienst in der vollbesetzten Jugendkirche.






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