07. August 2008
Von Heiligen und Schutzverglasung
Das Forschungszentrum „Corpus Vitrearum“ untersucht die mittelalterlichen Fenster der Marktkirche.
Wer zurzeit die Marktkirche im Zentrum Hannovers betritt, der wird sich wohl fragen, ob er wirklich in einer Kirche sei. Gerüste vor den Fenstern, umhereilende Wissenschaftler – nicht gerade das gewöhnliche Kirchenszenario. Doch die Arbeiten im Gotteshaus haben einen guten Grund: Das Forschungszentrum „Corpus Vitrearum“, eine in 14 Ländern weltweit vertretene Organisation, ist bei der Suche nach bedeutvollen Glasmalereien in Niedersachsen auf die Hannoversche Kirche gestoßen. Die Wissenschaftler sind begeistert, denn die mittelalterlichen Fenster gehören offensichtlich zu den interessantesten Werken des ganzen Landes, so Kunsthistorikerin Dr. Elena Kozina.
Das Wahrzeichen Hannovers spielt bei dem Projekt von „Corpus Vitrearum“ eine zentrale Rolle, da die imposanten Chor-Fenster teilweise schon über 600 Jahre alt sind. Allerdings kann man auf den meisten von ihnen schon seit langer Zeit nicht mehr die ursprünglichen Motive sehen. Durch Verfall, Kriege oder auch einfach geschmackliche Veränderungen wurden große Teile der früheren Abbildungen zerstört oder gegen andere ausgetauscht. Auch durch Restaurierungen sind viele der gläsernen Kunstwerke heute nicht mehr in ihrem originalen Zustand.
Während der Großteil der auf dem mittleren Chorfenster abgebildeten Heiligenlegenden von Georg, Mauritius und Jacobus noch auf das mittelalterliche Original von etwa 1410 zurückgeht, sind die Darstellungen der vornehmlich weiblichen Heiligen auf dem rechten Fenster sowohl mittelalterlichem als auch neuerem Ursprung zuzuordnen. Die Kreuzigungsszene auf dem linken der drei bunt verglasten Fenster hingegen stammt von 1908, weitere Ornamente sind sogar erst in der Nachkriegszeit hinzugefügt worden.
Doch wie alt oder jung auch jede noch so kleine Scherbe sein mag, sie wird von „Corpus Vitrearum“ aufs Genaueste untersucht und sowohl fotografisch als auch zeichnerisch dokumentiert. Anschließend werden mit Hilfe des gewonnenen Materials auch weitere geschichtliche Hintergründe über Fenster und Künstler erörtert, oft mit unerwarteten und spannenden Entdeckungen.
Die Marktkirche in Hannover ist bei dieser Erfassung zwar einer der interessantesten Fälle, jedoch keineswegs der einzige. Nicht nur das hiesige Kestner-Museum soll noch untersucht werden, insgesamt will „Corpus Vitrearum“ in Niedersachsen vorrausichtlich 35 gläserne Kunstwerke genauer erforschen. Die Ergebnisse wird das Team um Kunsthistoriker Dr. Hartmut Scholz dann vorrausichtlich 2012 in Form eines über 700 Seiten dicken Buches der Öffentlichkeit präsentieren – die ideale Gelegenheit, sich genauer über die beeindruckenden Fenster der Hannoverschen Marktkirche zu informieren.
Julius Burghardt
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