03. September 2008
Vertrauter Neuling im Chefzimmer der Stadtkirchenkanzlei
Christian Pieper mit feierlichem Gottesdienst als Leiter der Verwaltung eingeführt
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| Stadtsuperintendent Wolfgang Puschmann (links) überreicht dem neuen Leiter der Stadtkirchenkanzlei Christian Pieper (rechts) den symbolischen Schlüssel für das Verwaltungsgebäude an der Hildesheimer Straße. |
Es war mehr als die Erleichterung, dass im Chefzimmer der Stadtkirchenkanzlei künftig wieder Licht brennt. Vielmehr schwappt dem neuen Chef der zentralen Verwaltung des Evangelisch-lutherischen Stadtkirchenverbands eine Welle der Sympathie entgegen. Denn Christian Pieper, der nach anderthalb Monaten Vakanz die Nachfolge von Christian Hacke antrat, ist eine bekannte Größe. Bereits zwischen 1989 und 1998 hat er sich als Vize seines Vorgängers in Hannover Respekt und Wertschätzung erworben. Seither waren seine fachlichen und menschlichen Qualitäten im Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt geschätzt. Und sie werden dort seit einigen Wochen schmerzlich vermisst, wie der Hildesheimer Superintendent Helmut Aßmann nicht müde wurde, Mitleid zu erheischen.
So blieben die Aßmann’schen humorigen Klagen die einzigen Moll-Klänge im fröhlichen-festlichen Begrüßungskanon, den aller Rednerinnen und Redner beim Einführungsgottesdienst für Christian Pieper anstimmten. Mehr als 200 Gäste aus Kirche und Politik, Wirtschaft und Verwaltung füllten dabei die Stuhlreihen in der Marktkirche. Musikalisch unterstützt vom Posaunenchor der hannoverschen Stadtmission unter der Leitung von Rudolf Neumann, von Kantor Ulfert Smidt an der Orgel sowie Sängerin Hanna Jursch mit ihrem Pianisten Kostian Rapoport gestaltete Stadtsuperintendent Wolfgang Puschmann die feierliche Begrüßung. Das Manuskript seiner Predigt im Wortlaut finden Sie unten auf dieser Seite.
Ebenso wenig wie Wolfgang Puschmann ließen die Gäste – darunter Bürgermeister Bernd Strauch, Oberlandeskirchenrat Dr. Rainer Mainusch, Landessuperintendentin Dr. Ingrid Spiekermann und die Präsidentin des Stadtkirchentages Professorin Roseline B. Forsch – sowie die Mitarbeitenden aus der Kanzlei in ihren Grußworten und Beiträgen keinerlei Zweifel daran aufkommen, wie vorbehaltlos freudig Christian Piepers Rückkehr in die größte kirchliche Verwaltungsstelle der hannoverschen Landeskirche bewertet wird. Wesen und Wirken des gebürtigen Mellers wurden vielfältig gewürdigt, die Freude über künftige Zusammenarbeit wurde wiederholt betont und mit guten Wünschen wurde nicht gespart.
Bevor sich Christian Pieper an der Seite seiner Ehefrau Angelika der langen Reihe der Gäste stellte, die den Neuanfang mit persönlichen Worten und Handschlag besiegeln wollten, nutzte der neue Mann auf dem Chefsessel der Kanzlei die Gelegenheit zu einer kurzen Standortbestimmung. Pieper verdeutlichte, dass er sich über die Komplexität und die Schwere der anstehenden Aufgaben keine Illusionen mache. Dennoch seien sie mit Geduld, Flexibilität und gutem Willen sehr wohl zu bewältigen, ermutigt der vertraute Neue. (js)
Stadtsuperintendent Wolfgang Puschmann:
Predigt über Matthäus 6, 25 – 34
zur Einführung von Christian Pieper
als Leiter der Kanzlei im
Evangelisch-lutherischen Stadtkirchenverband Hannover
Liebe Gemeinde,
nach 20 Jahren ist wieder ein Leiter der Stadtkirchenkanzlei im Stadtkirchenverband Hannover einzuführen.
Da mag uns doch das Evangelium des zurückliegenden Sonntags gerade recht sein.
Jesus sagt in seiner berühmten Bergpredigt:
„Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet;
auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden.
Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“
„Sorgt nicht um euer Leben!“ – leicht gesagt, schwer getan.
Schön wär’s, sorglos und leicht zu leben wie die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde.
Und wenn‘s der Herr den Seinen im Schlaf gibt – sollten wir uns da nicht lieber gute Ruh wünschen? Offenbar sind sogar frühes Aufstehen und langes Sitzen nicht effektiv – und eher vergeblich, als umsonst . . .
Der Wirtschaftsaufschwung wird sehr unterschiedlich beurteilt. Reformen kommen über Ansätze kaum hinaus. Die Lohnnebenkosten bleiben hoch. Die Stellenplanung macht auch bei 4 Stellen hinter dem Komma nicht mehr Freude – und die Umsetzung erst recht nicht.
Die täglichen negativen Nachrichten von Massenentlassungen und Abwanderungen von Betrieben ins Ausland und die Aufgabe alteingesessener Betriebe in Hannover sorgen für Erschrecken.
„Sorgt nicht um euer Leben!“ – sagt Jesus. Das klingt wie ein Lob der Faulheit.
Oder wie: „Leg deine Hände in den Schoß!“ Oder wie: „Arbeit ist nur Mühe und Plage, zieh dich zurück auf die Inseln der Glückseligkeit.“
Sollen wir den jungen Leuten sagen: „Sorgt euch nicht um eure Riester-Rente und den Generationenvertrag?“ Sollen wir den Kirchleitungen sagen: „Sorgt euch nicht um die Gehälter und Pensionen?“
Ich glaube nicht, dass Jesus naiv war. Er lebte in einer völlig anderen Zeit. Die freie und soziale Marktwirtschaft kannte er nicht.
Ich sage es deutlich: Es ist schlicht verantwortungslos, nicht zu sorgen, etwa die Hände in den Schoß zu legen und ein Loblied auf die Faulheit zu singen. Wer’s tut, ist ein Schmarotzer.
Eine Gesellschaft lebt davon, dass jeder das Seine für andere tut. Eltern für ihre Kinder, Unternehmen für gute Produkte und für Arbeitsplätze, Politiker für eine gerechte Steuer, ein sozial gerechtes Gesundheitswesen, für sichere Renten. Jeder Tag hat seine eigene Plage.
Was Jesus übrigens keineswegs leugnet.
Er sagt auch nicht: „Mach dir keinen Stress, such Erholung mit Wellness und positivem Denken.“ Sorgen gehören zum Leben dazu. Sie zu überspringen oder zu leugnen, kann und darf keiner von uns.
Nur: Es ist noch niemals jemand durch Sorgen sorglos geworden.
Der neue Leiter der Kanzlei war ja nun mal weg – genau genommen nur 10 Jahre und 3 Monate: in Hildesheim.
Er macht sich keine konkreten Sorgen.
Einer, der weiß, was an Aufgaben ansteht und der sich nicht bereit erklärt hätte, diese Stelle zu übernehmen, wenn er sich hätte Sorgen machen müssen.
Einer, der meint, dass ein positives Denken, eine positive und freundliche und zupackende Art im Umgang mit den Menschen in Hannover hilfreich und förderlich ist.
Er rechnet damit, dass konstruktiv Veränderungen vorgenommen werden müssen – macht sich aber keine Sorgen.
Vielleicht hängt das tatsächlich damit zusammen, dass das Sorgen nicht zum Glaubensbekenntnis der Kirche gehört, die Herr Pieper schon in jungen Jahren kennen gelernt hat: nach der Konfirmation in der Jugendarbeit des im CVJM, in Freizeiten mit autistischen Kindern, sodass er fast Sozialpädagoge geworden wäre.
Aber auch ohne diese Ausbildung ist ein Faible geblieben für Randständige, die Hilfe brauchen, für die, die nichts für sich selber wollen und einrichten können, für die, die eine Art von Anwalt brauchen – und finanzielle Unterstützung.
Vielleicht liegt deshalb auch die Kollekten-Bitte für den ambulanten Palliativ- und Hospizdienst nahe . . .
Und Ehefrau Angelika, die bei den Diakonischen Diensten Hannover gGmbH mit Sitz im Annastift arbeitet, weiß ebenfalls, worum es dabei geht.
Da ist allein mit Sorgen nicht viel auszurichten.
Wie das aussieht, hat Goethe im Faust eindrücklich beschrieben. Er lässt die Sorge als Person auftreten und so sagen:
Wen ich einmal mir besitze,
Dem ist alle Welt nichts nütze;
ewiges Düstre steigt herunter,
Sonne geht nicht auf noch unter,
Bei vollkommnen äußern Sinnen
Wohnen Finsternisse drinnen,
Und er weiß von allen Schätzen
Sich nicht in Besitz zu setzen.
Glück und Unglück wird zur Grille,
Er verhungert in der Fülle:
Sei es Wonne, sei es Plage,
Schiebt er’s zu dem andern Tage,
Ist der Zukunft nur gewärtig,
Und so wird er niemals fertig.
Soll er gehen, soll er kommen,
Der Entschluss ist ihm genommen;
Auf gebahnten Weges Mitte
Wankt er tastend halbe Schritte
Er verliert sich immer tiefer,
Siehet alle Dinge schiefer,
Sich und andre lästig drückend,
Atem holend und erstickend;
Nicht erstickt und ohne Leben,
Nicht verzweifelnd, nicht ergeben.
So ein unaufhaltsam Rollen,
Schmerzlich Lassen, widrig Sollen,
Bald Befreien, bald Erdrücken
Halber Schlaf und schlecht Erquicken
Heftet ihn an seine Stelle
Und bereitet ihn zur Hölle.
Besser lässt sich kaum beschreiben, wie das ist, wenn Menschen nicht nur Sorgen haben, sondern wenn die Sorge die Menschen in der Hand hat.
Wenn die Sorge die Herrin über uns wird, haben wir uns verkauft.
Und genau das soll nicht sein.
Dagegen stellt Jesus sein Wort: »Sorgt nicht um euer Leben!«
Das ist in erster Linie nicht ein Befehl, sondern eine Erlaubnis, eine Ermächtigung: Ihr braucht nicht zu sorgen!
Jesus durchbricht die Kausalkette der Sorge, in der sich ohne Ende eine Sorge an die andere reiht.
Er ersetzt die Herrschaft der Sorge durch das Vertrauen auf Gottes Herrschaft.
Darum lautet die Fortsetzung des Imperativs »Sorgt nicht«: »Vertraut!«
Aber Jesus überfällt die Hörer nicht mit der Einladung zum Vertrauen, sondern führt sie schrittweise in die Freiheit.
Es gibt eine »Vernunft des Glaubens«, und diese spricht Jesus hier an:
»Seht die Vögel unter dem Himmel! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch ... Schaut die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen! Sie arbeiten nicht und spinnen nicht.
Aber ich sage euch: Selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen.«
Mal abgesehen davon, dass hier ein Zusammenhang zwischen Arbeiten und Spinnen markiert ist, der eher die Theologen nachdenklich machen könnte, ist dies kein Aufruf zu seligem Nichtstun, zu einer Art christlicher Wandervogelexistenz in Feld, Wald und Flur,
sondern eine Ermutigung zum Glauben.
Wir sollen es nicht den Vögeln und Blumen gleichtun und mithin nichts tun.
Sondern: So wie Gott für sie sorgt, so sorgt er erst recht für uns.
Das macht uns unabhängig und frei von Gschaftelhuberei, von allerlei Aktivität, die wir - vielleicht sogar im Namen der Kirche - zu unserer Selbstbefriedigung entfalten.
Kirche der Freiheit braucht mehr als Besitz und Sicherheiten.
Mehr als Fortschritt und Bequemlichkeit.
Mehr als Konsum, Erbschaft und Karriere.
Mehr als Bruttosozialprodukt, Wirtschaftswachstum und Standortvorteile.
Wir sind ja auch sonst nicht gerade anspruchslos!
Das Wichtigste bekommen wir geschenkt:
Vertrauen ins Leben, Selbstvertrauen, Zuwendung von Menschen, gelingende Beziehungen.
Auch die Erfahrung, dass es Sinn macht, was wir tun oder auch lassen, dass niemand untergehen muss, wenn's mal nicht nach Plan läuft.
Dass unser Leben auch dann nicht wertlos ist, wenn wir nicht „alles im Griff“ haben und nicht alles schaffen, erreichen - oder festhalten können.
Das wird nicht gelingen, wenn wir uns der ganzen Zukunft auf einmal bemächtigen wollen.
Das gelingt nur, wenn wir sie in lauter kleine Tagesrationen aufteilen.
Auf diese Weise verteilt sich die Last, und wir kommen besser und rascher voran.
Es war ja ein Manager namens Carnegie, der gemeint hat: Man kann auch einen Elefanten verzehren – man muss ihn nur in essbare Stückchen zerlegen.
Solch schrittweises Vorgehen gilt auch im größeren Rahmen in der Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kirche. Nur dass der »morgige Tag« hier nicht die nächsten vierundzwanzig Stunden, sondern die nächsten zwanzig Jahre umfasst.
Aber auch hier werden die großen Ziele nur durch kleine Schritte des Muts und des Vertrauens erreicht: Heute zunächst dies morgen wird man weitersehen.
So werden wir auf einen »langen Marsch« geschickt in der Kirche, in der Gesellschaft, in der Politik.
Darum: Sorgt nicht, sondern vertraut und plant!
Natürlich ist es dafür von Bedeutung, dass einem Verwaltungsleiter schon in früher Jugend bescheinigt wird, dass er über ein gutes Verhältnis zu Ordentlichkeit und zu Organisation verfügt.
Bereits Aristoteles hat im 4. Jahrhundert vor Christus gemeint:
«Es gibt zwei Dinge, auf denen das Wohlgelingen in allen Verhältnissen beruht.
Das eine ist, dass Zweck und Ziel der Tätigkeit richtig bestimmt sind.
Das andere aber besteht darin, die zu diesem Endziel führenden Handlungen zu finden.»
Und dabei geht es um Leiten und Führen.
Es geht nicht nur darum, eine Sache richtig zu machen, sondern auch darum, die richtigen Sachen zu tun:
Nicht nur verwalten – sondern auch gestalten;
nicht nur erhalten - sondern auch entwickeln;
nicht nur auf Systeme konzentrieren – sondern auf Menschen.
Nicht nur auf Kontrolle verlassen, sondern auch Vertrauen wecken
Nicht nur nach dem "Wie?" und "Wann?" fragen – sondern auch nach "Was?" und "Warum?" Nicht nur den Status quo akzeptieren – sondern den Horizont im Auge behalten.
Da hat Herr Pieper bereits geplant:
Facilitymanagement, Doppik, Fundraising, Einsatz EDV, E-Government, digitale Daten-Verwaltung und -Archivierung, Intranet, workflow management Systems, zentrales Controlling der Stellenplanung, Kommunikation mit den Gremien . . . das hört sich doch gut an . . .
Zum Horizont aber gehört das Reich Gottes. Und das ist da, wo nicht unser, sondern sein Wille geschieht.
Das kommt zwar auch ohne unser Zutun zum Ziel. Aber Gott will, dass wir dazugehören.
Amen!
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| Zahlreiche Gäste aus Kirche, Politik, Verwaltung und Wirtschaft füllten beim Einführungsgottesdienst die Marktkirche. (Fotos: Stever) |
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| Eine lange Reihe von Gästen hieß das Ehepaar Pieper (links) im Anschluss an Gottesdienst und Grußworte per Handschlag willkommen - verbunden mit vielen guten Wünschen für den Neubeginn in Hannover. |
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