Archiv
- 2012
- 2011
- 2010
- 2009
- 2008
- 2007
- 2006
- 2005
- 2004
- 2003
- 2002
- 2001
- 2000
- 1999
- 1998
- 1997
Aktuelle Meldungen
Berichte
09. Oktober 2008
Stille Erinnerung im Schein der Kerzen

Hannover gedenkt der Nacht des Schreckens vor 65 Jahren

Mit Propst Tenge, Stadtsuperintendent Puschmann, Oberbürgermeister Weil und Dean Grimley (vorn v. l.) an der Spitze zogen rund 150 Menschen in der Kerzenprozession durch die Innenstadt zum Mahnmahl St. Aegidien. (Foto: Stever)

Auch nach 65 Jahren haben die Stunden des Schreckens nichts von ihrer erschütternden Eindringlichkeit verloren. Unter mehr als einer Viertelmillion Bomben zerbirst Hannover in der Nacht zum 9. Oktober 1943. 1245 Menschen sterben in dem Feuersturm. Mit einer Andacht in der Marktkirche, einer Kerzenprozession durch die Innenstadt und einer eigens für diesen Anlass inszenierten Musikperformance gedachte Hannover am Vorabend des 65. Jahrestages der verheerenden Zerstörung.

Rund 200 Menschen waren der Einladung in die Marktkirche gefolgt, darunter viele, die noch Erinnerungen an die Bombennacht mit sich tragen. Umrahmt von Orgelklängen und Stille sprachen Stadtsuperintendent Wolfgang Puschmann, der Dean der Kathedrale im Hannover partnerschaftlich verbundenen Bristol, Robert Grimley, und der katholische Propst Martin Tenge.

Gemeinsam mit Oberbürgermeister Stepahn Weil führten die drei Geistlichen nach der Andacht die Kerzenprozession zur Aegidienkirche an. Rund 150 Menschen mit Kerzen folgten ihnen im stillen Zug durch die Innenstadt zum Mahnmal der im Bombenhagel zerstörten Aegidienkirche.

Nach einem kurzen Gebet, das Puschmann, Grimley und Tenge formulierten, zog die Prozession zur Marktkirche zurück. Dorthin war aufgrund der Wettervorhersage die Musikperformance „Im Zeit-Schlag“ verlegt worden, die von der Künstlerin Inge-Rose Lippok ursprünglich für die Aegidienkirche entwickelt worden war. Die Verlegung sorgte angesichts der aufgelockterten Bewölkung zum Beginn der Andacht noch für Verwunderung einiger Gäste, erwies sich aufgrund des zum Ausklang einsetzenden Regens jedoch als goldrichtig.

Das Manuskript der Ansprache von Dean Robert Grimley:

Es ist für mich sehr bewegend heute in Hannover zu sein, um der traurigen Wiederkehr des Feuersturms vom 8. Oktober 1943 zu gedenken, und ich grüße Sie herzlich, nicht nur im Namen der Kathedrale, der Partnerkirche der Marktkirche, sondern auch im Namen des Lord Mayor, des Oberbürgermeisters von Bristol, dessen Grußwort ich für den Oberbürgermeister mitgebracht habe.

Als Predigttext nehme ich einen Vers des Propheten Jesaja, „Er hat mich gesandt, den Elenden zu predigen, und die zerbrochenen Herzen zu verbinden...“

Es war im Ersten Weltkrieg ein junger englischer Künstler, Stanley Spencer, der später sehr berühmt wurde. Während des Krieges war er zuerst als Sanitäter in einem Lazarett in Bristol und dann im Mazedonienfeldzug eingesetzt. Nach dem Krieg malte er Gemälde für die Wände einer Kapelle, die ein Ehepaar als Denkmal für den Bruder der Frau errichtet hatte, welcher im Mazedonienfeldzug gefallen war. Spencer hatte natürlich auch selbst die Schmerzen und die Schrecken des Krieges und des Mazedonienfeldzuges erlebt und hat in den Bildern den grauen Alltag eines Soldaten, aber auch die Verwundeten und die Toten abgebildet. Als diese langfristige Arbeit zu Ende war, schrieb er: „Die Arbeit an diesem Denkmal hat meine Erfahrung erlöst von dem, was sie war, nämlich etwas mir Fremdes. Auf diese Weise gewinne ich mein verlorenes Selbst zurück.“

Am Altarstück dieser Kapelle sieht man die Auferstehung der Soldaten: Die Soldaten kommen aus ihren Gräbern, und sie tragen ihre Kreuze zu Christus, der sie ihnen abnimmt. Diese Kreuze sind nicht wie das von Christus selbst: Sie sind kleiner, alle gleich, wie die Kreuze in einem Militärfriedhof. „Fürwahr er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.“ (Jesaja 53,4)

Spencer schrieb, dass seine Arbeit an diesem Denkmal seine eigene Erfahrung des Krieges erlöst hat. Wie können wir heute hier in dieser Gedenkstunde solche Erlösung erleben? Die Antwort auf diese Frage haben wir schon im Predigttext gehört: „Er hat mich gesandt, ...die zerbrochenen Herzen zu verbinden.“ Diese Worte des Propheten hat der Präsident Abraham Lincoln in seiner Rede anlässlich seiner zweiten Amtseinführung in Erinnerung gerufen. Seine erste Amtszeit war vom amerikanischen Bürgerkrieg geprägt, und als er seinen zweiten Amtsantritt vor sich hatte, wollte er vor allem einen echten Frieden stiften.

In dieser Rede erwähnte er die Schrecken des Krieges, und dann sagte er: „Lasst uns die Wunden des Volkes verbinden.“ Gegenwärtig gibt es einige Historiker, die sich die Jahre von 1914 bis 1945 als einen einzigen euopäischen Bürgerkrieg vorstellen. Nach dieser Ansicht können wir die Worte von Abraham Lincoln ein kleines bisschen ändern und uns sagen „Lasst uns die Wunden der Völker verbinden.“ Das heißt, dass wir uns in dieser Gedenkveranstaltung um die Veränderung der Welt sorgen müssen, und genau wie Abraham Lincoln müssen wir uns dazu verpflichten, in Frieden und in Gerechtigkeit miteinander zu leben.

Es steht im 51. Psalm das Gebet „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist.“ Dieses Gebet soll heute Abend das unsere sein.

In einer Rundfunksendung für Deutschland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, zu Weihnachten 1945, hat der englische Bischof George Bell, der sehr gute Freund Dietrich Bonhoeffers, gesagt: „Kein Volk, keine Kirche, kein Mensch ist schuldlos. Ohne Umkehr und ohne Vergebung kann es keinen neuen Anfang geben.“

Heute Abend fangen unsere jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen an, den Versöhnungstag zu feiern, an dem die Gläubigen Buße tun und Gott um Gnade für das kommende Jahr bitten.
Heute Abend bitten wir unseren Gott um Umkehr, um Vergebung und um Gnade, einen neuen Anfang zu machen, denn kein Volk, keine Kirche, kein Mensch ist schuldlos. Ohne Umkehr und ohne Vergebung kann es keinen neuen Anfang geben. Schaffe in uns, Gott, ein reines Herz, und gib uns einen neuen, beständigen Geist.
Amen.






© 1998-2010
Evangelisch-lutherischer Stadtkirchenverband Hannover
Referat für Öffentlichkeitsarbeit
Hanns-Lilje-Platz 3, 30159 Hannover
fon (+49) 0511 - 301876-16, Joachim Stever
fax (+49) 0511 - 3681358

Kontakt & Impressum