31. Oktober 2008
Ein Grenzgänger und Crossover-Künstler
Gottesdienst in der Jugendkirche: Torsten Pappert ist der neue Stadtjugendpastor
„Bibel und Gesangbuch reichen nicht mehr aus, um Gott zu den Menschen zu tragen“, stellt Superintendentin Elke Schölper fest. Dass die Vorsitzende des für die Jugend zuständigen Fachbereichsausschusses bei diesen in der Jugendkirche gesprochenen Worten dennoch frohen Mutes in die Zukunft blicken kann, mag dem Mann zu danken sein, der im Fokus des Gottesdienstes steht: Torsten Pappert, seit reichlich vier Jahren Pastor der Jugendkirche und mit diesem Einführungsgottesdienst auch Stadtjugendpastor. „Ein erfahrener Mann in der Kunst des Crossover“, attestiert Elke Schölper.
Mit der Einführung von Torsten Pappert in sein zusätzliches Amt endet eine rund zweijährige Vakanz an der Spitze des Evangelischen Stadtjugenddienstes. Jetzt ist das Team wieder komplett, und Stadtjugendwart Rüdiger Klein als Interimsleiter kann etwas von der Verantwortung, die auf seinen Schultern liegt, an Pappert abgeben.
In seiner Person werden sich, so nicht nur Papperts Hoffnung, künftig Stadtjugenddienst und Jugendkirche noch enger als bisher verzahnen. Denn als Jugendkirchenpastor bleibt der 39-jährige Theologe und verheiratete Vater einer zweijährigen Tochter dem dortigen Team ebenfalls erhalten.
„Sie überschreiten Grenzen und trauen sich in andere Szenerien hinein“, beschrieb Elke Schölper in ihrer Ansprache zur Einführung den offenen Geist, mit dem Torsten Pappert die Arbeit der Jugendkirche und ihres engagierten Teams prägt. Dabei sei er „ein Mann, der es versteht, nicht als Pastor zu erscheinen und aufzutreten, aber dennoch einer zu sein.“
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| "Ich bin friedfertig!": Das Team der Jugendkirche überraschte mit einer Spielszene zu den Seligpreisungen. |
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Zudem, so Schölper weiter, sehe sie den neuen Stadtjugendpastor „medial auf der Höhe der Zeit“ – eben ganz im Sinne Martin Luthers Appell, auch und speziell in der Kirche dem Volke nicht nach dem Munde zu reden, aber sich seiner Sprache zu bedienen.
Gemeinsam mit Elke Schölper sowie treuen und neuen Weggefährten Papperts als Assistenten führte Stadtsuperintendent Wolfgang Puschmann den frischgebackenen Stadtjugendpastor schließlich in sein Amt ein.
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| "Ich will meiner Priester Herz fröhlich machen": Torsten Pappert (Mitte) mit Elke Schölper (rechts) und Wolfgang Puschmann (links). Der Stadtsuperintendent widmete dem neuen Stadtjugendpastor seinen Ordinationsspruch. (Fotos: Stever) |
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Der Gottesdienst, an dem die Band Megahertz sowie Mitarbeitende aus Stadtjugenddienst und Jugendkirche maßgeblich gestaltend mitwirkten, mündete nahtlos in einen Empfang, der Gelegenheit zur Begegnung und zum Formulieren guter Wünsche für den nun erweiterten Aufgabenbereich gab. (js)
Das Manuskript der Predigt von Torsten Pappert:
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freundinnen und Freunde!
Vielleicht ist es Ihnen und Euch ja aufgefallen, aber am Eingang musste man nicht nur an meinem lieben Kollegen und Stellvertreter Rüdiger Klein vorbeikommen, sondern auch an dieser überlebensgroßen Statue unseres Altmeisters Martin Luther, auch wenn er sich, meines Dafürhaltens, nicht wirklich ähnlich sieht in ihr. Aber naja, trutziges Aussehen, die Bibel in der Hand und mit einem merkwürdigen Gewand angetan, das mag er denn wohl sein, dessen Ansehen wir – nach Bundesländern in arbeitsfreie Zonen und nur gottesdienstgänglich Befreite – an diesem Tag hochhalten.
Sogar der Spiegel hat dem Reformator mal wieder zwei Seiten gewidmet, diesmal – man höre und staune – mit Untersuchung des archäologisch ausgewerteten Hausmülls an Luthers Elternhaus, sowie dem späteren Wittenberger Familiensitzes. Und da kommt sogar ein Satz vor, der schon an die vermeintliche Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher erinnert: da müsse nun – wegen der privaten, halbversteinerten Müllkippe des Reformator – die Reformationsgeschichte umgeschrieben.
Und diesem eingedenk wird nun in Hannover der neue Stadtjugendpastor eingeführt, na, herzlichen Glückwunsch!
Wenn nun die gelehrte deutsche Öffentlichkeit über den Wittenberger Müll räsoniert, darf mir doch auch ein wenig Spekulation erlaubt sein, was denn der Altmeister Martinus seinem jungen, naja, nicht mehr ganz so jungen Bruder Stadtjugendpastor mitgegeben hätte.
Was hätte der Reformator denn wohl gesagt, zu einer Modenschau in dieser Kirche oder zu einer Jugendwartin in einer unserer offenen Einrichtungen, die neben einem 15-Jährigen an der Playstation sitzend so en passant etwas über dessen Probleme und Lebenslagen erfährt und vorsichtig Unterstützungen einfädelt? Oder was hätte er gesagt zu – heute noch recht moderat vorgetragen – Rockmusik im Gottesdienst? Oder einer fröhlichen Gruppe Fünfzehnjähriger, die sich beim Gruppenleitungsgrundkurs in der hohen Kunst des Kistenkletterns üben? Oder einer kleinen Flotte von Motoryachten, die besetzt mit Behinderten und nicht-behinderten Jugendlichen auf holländischen Kanälen gemeinsames Leben auf engsten Raum übt? Oder junge christliche Fußballfans, die unter dem Banner der „These 96“ Kinder aus sozial bedrängten Familien mit ins Stadion nehmen. Oder…oder…oder…
Ich will ehrlich mit ihnen und euch sein: Nach meiner Einschätzung hätten wir von Bruder Luther einen Auftritt zu erwarten gehabt, der Marcel Reich-Ranicki beim der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises wie die Karikatur eines Friedensbewegten der 80er-Jahre hätte wirken lassen. Birkenstock und absolut gewaltfreier Erdbeer-Sahne-Tee. So diese Kategorie.
Er hätte fürchterlich wenig davon verstanden, dessen bin ich mir gewiss. Weil er aus einer anderen Welt stammte. Dieselben Orte, doch in anderen Zeiten eine ganz andere Welt.
Und das scheint denn eine der Herausforderungen der Jugendarbeit zu sein – unterschiedliche Welten zu verbinden.
Meine Tochter hat letztlich den feinen Satz gesagt: „Das ist heute gestern!“ Sie meinte ihr abgestandenes Glas Apfelschorle vom Vortag und hat doch eine Zustandsbeschreibung des postmodernen Lebens und der allzu häufigen Situation in der Jugendarbeit geliefert. Ich hätte das wohl noch gerne weiter mit ihr erörtert, aber Zweieinhalbjährige neigen eher zu isolierten prophetischen Sätzen, um sich denn der allfälligen Diskussion zu entziehen. Vielleicht ist auch das ein Vorrecht der Jugend.
Aber mal im Ernst: Die Globalisierung – dieser Wahnsinn von einem Wort – ist doch längst angekommen. Nicht nur in der Hochfinanz, nicht nur im ständigen Bedrohtsein der Arbeitsplätze, sondern mitten im Leben jeder Einzelnen und jedes Einzelnen. So die Altworderen unter uns mögen sich das ja gerne einmal fragen, ob man denn heute gerne noch einmal jung wäre?
Ich gebe da ganz unumwunden zu, dass ich darauf gut verzichten kann. Eben weil der Satz gilt, dass ganz vieles schnell von gestern ist, was gestern noch ganz gut funktionierte.
Die rasanten Veränderungen unserer Welt spielen doch zurück auf das Leben gerade Jugendlicher und junger Erwachsener. Der Druck zur Veränderung, der Druck zur Flexibilität, der Druck sich immer und immer wieder zu beweisen, ist doch ein ganz anderer geworden als noch vor zwanzig Jahren.
Und – um nur ein Beispiel zu nennen: mochte jemand in den 60er/70er, der sich mit fünfzehn in der Ausbildung wiederfand in einem Beruf, der ihn perspektivisch bis in den Ruhestand begleiten sollte, so mag sich heute mancher diese Festgelegtheit wünschen, denn die Einstiegsphase in den Beruf enthält heute gerne Vokabeln wie: Praktikum, Zeitvertrag, Leiharbeit und das dann nicht nur einmal.
Und dann gibt es da etwas Zweites: Luther sah sich mit der Frage konfrontiert, wie er denn einen gnädigen Gott bekomme. Und das in einer Welt, die ein richterliches Gottesbild geradezu atmete.
Diese Welt hat sich grundlegend gewandelt. Die Gottesfrage ist in Randbereiche abgewandert, aber junge Menschen in unserer Gesellschaft, stehen nun vor einer nicht weniger anklagenden und fordernden und zuschreibenden doch unpersönlichen Welt und Gesellschaft. Und die alte Frage Luthers ist – entgottet – in jede kleine Alltagsfrage eingezogen: wie bekomme ich angesichts einer gnadenlosen Welt ein gerechtfertigtes, weil gelingendes Leben.
Luthers alte Frage nach dem gnädigen Gott ist – nun ohne Gott – hineingetragen in jedes einzelne Leben. Wie bewährst Du Dein Leben? Wie löst Du ein? Wie schaffst Du? Wie setzt Du Dich ein? Wie gehst Du mit Deinem kleinen und großen Scheitern um?
Was ist nun die Aufgabe der evangelischen Jugendarbeit, für die der Stadtjugendpastor Sorge zu tragen hat?
Ich will es anhand einer biblischen Geschichte erzählen. Im Markus- und Matthäusevangelium wird eine Begebenheit um eine Frau aus Syro-Phönizien erzählt. Eine Griechin, die zu Jesus durchdringen will, um ihn um die Heilung ihrer Tochter zu bitten. Jesus wendet sich zunächst ab, weil er seinen Auftrag an sein eigenes Volk gebunden sieht. Er wirkt hart, unsympathisch. Doch die Frau lässt sich nicht abweisen, sie lässt nicht locker. Sie lässt sich nicht mit der Abkanzelung: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde.“ abspeisen. Sie antwortet, erniedrigend und doch Jesus bei seinem Auftrag packend: „Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Brosamen der Kinder.“
Da stoppt Jesus und in seiner Reaktion ist zu merken, dass sich plötzlich etwas verändert. Jesus sprich Gott verändert seinen Plan. Er wendet sich der Frau zu, die ihn verunsichert und überzeugt hat, er wendet sich ihr zu und schickt sie nach Hause zu ihrem genesenen Kind. Nicht mehr nur Brosamen, sondern das Ganze gibt er ihr.
Im Heil Gottes ist Platz für diese Frau und ihre Tochter, im Heil Gottes ist unendlich Platz. Und diese unbenannte Frau hat den Knoten zum Platzen gebracht.
Für mich ist diese Geschichte ein Schlüssel für das, was christliche Jugendarbeit zu leisten hat. Wie Jesus einen Schritt aus seiner Kultur, aus seinem Volk gemacht hat, ist das auch unsere Aufgabe, diesen Schritt zu machen. Das Gute der Botschaft Jesu, das Heilsame der Güte Gottes ankommen zu lassen im Leben von jungen Menschen durch einen Schritt aus unserer eigenen Kultur heraus, die uns birgt, doch anderen den Blick versperren kann.
Und dann in dieser Begegnung auf fremdem Boden, wenn man so will, kommt es zu einer Begegnung, wie bei Jesus und der Frau aus Syro-Phönizien: er bricht auf in einen neuen Auftrag und sie bricht auf in ein heileres Leben.
„Glauben macht schön!“ behaupten unsere Freunde von der Jugendkirche marie in Einbeck immer auf ihren T-Shirts. Und – Danke für den schönen Slogan – das glaube ich auch, weil Glaube – recht verstanden als Botschaft von der Freiheit – einen zumeist den Anmutungen dieser Welt und Gesellschaft frech ins Gesicht lachen lässt. Die Begegnung mit dem in Jesus heruntergekommenen Gott kann das bewirken, sich frei zu fühlen – gegen die heillosen Ansprüche meiner Zeit, gegen die gnadenlosen Bilder gelingenden Lebens, die oft nur mit Macht und Geld und Stellung und Gesundheit zu tun haben, gegen die drangvolle Enge meiner eigenen Kultur und Subkultur.
Du kannst das machen, aber - von Gott befreit - kann es dich nicht ausmachen.
Vielleicht ahnen sie und ihr das schon, in dieser Folge ist mir eines wichtig für die Jugendarbeit: Wenn das so ist, wie ich es beschrieben habe, dann können junge Leute in recht verstandener Jugendarbeit nicht Objekte unseres Sorgens und Fürsorgens sein, sondern solche, die wir ermächtigen. Solche, die wirklich etwas von dem in die Hand bekommen, was uns lieb und teuer ist, damit sie es im eigenen Leben bewähren und uns verunsichern und zugleich weiterbringen.
Und da bin ich am Ende doch an einem Punkt angekommen, wo Altvater Luther sein vermutetes Mütchen kühlen würde: Die Botschaft von der Freiheit von einer heillosen und gnadenlosen Zeit, von der Verwicklung in Zusammenhänge, die mir das eigene Leben aus der Hand nehmen wollen, ist nötiger denn je.
Für eine Jugendarbeit, die damit ernst macht, möchte ich stehen, in unserer Kirche und ihren Gemeinden, in dieser Stadt und in der Nachfolge Jesu.
Amen.
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