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30. November 2008
Familie und Gesundheit ersetzen Akten und Ausschüsse

Stadtsuperintendent Wolfgang Puschmann: Neue Prioritäten im Ruhestand

Wolfgang Puschmann (Stadtsuperintendent 1998 - 2008)

Wenige Tage nach Vollendung seines 65. Lebensjahres beendet Wolfgang Puschmann sein aktives Berufsleben. Mehr als zehn Jahre war er als Stadtsuperintendent der geistliche Spitzenvertreter des Evangelisch-lutherischen Stadtkirchenverbandes Hannover. In „seiner“ letzten Kirche wird er am 1. Adventssonntag, 30. November, mit einem festlichen Gottesdienst verabschiedet. Dazu werden ab 15 Uhr neben der Gemeinde auch zahlreiche Gäste aus Kirche und Kommune, Wirtschaft und Gesellschaft die Marktkirche füllen.

Begegnungen mit Menschen waren und sind
für den scheidenden Repräsentanten von rund 216000 evangelischen Christinnen und
Christen in Hannover, Garbsen und Seelze stets ein grundlegendes Element seiner Arbeit. Gleich, ob er als Pastor und Seelsorger einer Gemeinde tätig ist oder als Mitglied kirchenleitender Gremien an Kommunikationsnetzen knüpft. „Die Ideen zu vielen Projekten sind erst im Gespräch mit anderen Menschen entstanden und gereift“, sagt Puschmann und unterstreicht damit, welche Bedeutung Austausch und Begegnung für ihn haben.

Den hohen Stellenwert von Teamarbeit und Kommunikation für die kreative Bewältigung der beruflichen Aufgaben erkannte der 1943 in Lüneburg geborene Pastorensohn schon während seines Vikariats in Kiel. Dorthin hatte ihn nach dem Abitur am Johanneum der alten Salzstadt das in Hamburg begonnene und in Tübingen fortgesetzte Studium in der Schlussphase geführt. Die Zeit zwischen den theologischen Examen nutzte Wolfgang Puschmann beruflich wie privat. Während er bereits 1969 eine klare Entscheidung für seine Ehefrau Ulrike traf, ließ ihm sein Vikariatsleiter Propst Bertold Kraft großen Freiraum für die berufliche Orientierung. Fortbildungen unter anderem in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Lebensberatung und Telefonseelsorge sorgten für einen facettenreichen praktischen Anteil der Ausbildung.

Ein besonderer Stellenwert fällt dabei den Management-Erfahrungen zu, die Propst Kraft („ein Glücksfall für mein Vikariat“, so Puschmann) seinem Schützling ermöglichte. „Ich kann mehr Theologe sein, wenn mich der unumgängliche Verwaltungsanteil nicht quält“, erläutert Puschmann seine früh gewonnene Erkenntnis, sich den Umgang mit administrativen Berufsanteilen so unkompliziert wie möglich machen zu müssen.

Nach der Ordination im April 1971 blieb Wolfgang Puschmann zunächst in Kiel, wo er sechs Jahre Pastor der St. Jürgen-Kirche war und weiterhin intensive Teamarbeit mit Seelsorgerkollegen pflegte.

In die Landeskirche Hannovers wechselte Wolfgang Puschmann, inzwischen zweifacher Vater, im Mai 1977, als er Pastor an der Kreuzkirche in Celle wurde – und rund neuneinhalb Jahre blieb. In dieser Zeit führte er auch den Vorsitz einer Prüfungskommission für die Zweite Theologische Prüfung an der Theologischen Akademie Celle.

Mitte Oktober 1986 zog Familie Puschmann nach Hannover, wo der damals 42-Jährige zusammen mit seiner Pfarrstelle in der Paulus-Gemeinde erstmals ein kirchenleitendes Amt übernahm. Als Superintendent des Kirchenkreises Hannover-Süd sah er sich zunehmend Verwaltungsaufgaben gegenübergestellt, bei deren Bearbeitung die im Vikariat erworbenen Managementkenntnisse hilfreich einzusetzen waren.

Über die Aufgaben im Kirchenkreis hinaus forderten die Gremien des Stadtkirchenverbandes seinen Einsatz, den Wolfgang Puschmann unter anderem als Vorsitzender der Ausschüsse für Lebensberatung und Telefonseelsorge, im Geschäftsführenden Ausschuss, im Finanz- und Bauausschuss sowie als Mitglied der Strukturkommission gern leistete.

Die Jahre in der Südstadt sind mit Erinnerungen an viele erfolgreiche Projekte und Aktivitäten, an festliche Gottesdienste und fruchtbare menschliche Begegnungen verknüpft. Aber es war auch die Zeit, in der Ulrike Puschmann nach schwerer Krankheit starb. Neben Gemeinde und Kirchenkreis galt jetzt die väterliche Sorge den heranwachsenden Kindern. Drei Jahre später konnte Wolfgang Puschmann diese Sorge wieder teilen, nachdem seine zweite Frau Sigrid an seiner Seite auch familiäre Verantwortung übernahm.

Noch als Superintendent in Hannover-Süd wurde Puschmann am 1. Januar 1998 zum Stellvertreter des Landessuperintendenten im Sprengel Hannover bestellt, bevor er zum 1. Oktober des gleichen Jahres gleich drei neue Ämter antrat: Stadtsuperintendent, Superintendent des Kirchenkreises Hannover-Mitte und Pastor an der Marktkirche.

Aus zwei dieser Ämter wird Wolfgang Puschmann zum Beginn des neuen Kirchenjahres verabschiedet. Als Superintendent des Kirchenkreises Hannover-Mitte ist er mit dessen Auflösung zum 31. Dezember 2000 Geschichte. Die Strukturreform des Stadtkirchenverbandes Hannover, aus der die Auflösung resultierte, markierte nach dem Expo-Jahr 2000 einen der Meilensteine der gut zehnjährigen Amtszeit von Wolfgang Puschmann.

Schon unter dem Vorzeichen der nahenden Weltausstellung nutzte Puschmann das erste Amtsjahr, um neben den nötigen Amts- und Administrationshandlungen den Schwerpunkt seiner Arbeit auf das Knüpfen und Pflegen von Kontakten zu legen. Besuche in allen Bereichen des gesellschaftlichen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Lebens ermöglichten die ihm so wichtigen menschlichen Begegnungen, die später ihre Früchte tragen konnten.

„Trotz geringer werdender Ressourcen darf unsere Kirche nicht aus der Öffentlichkeit verschwinden“, formuliert Wolfgang Puschmann einen Grundsatz seines Engagements. Folglich waren viele der Projekte seiner Amtsdekade darauf ausgerichtet, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen und die Evangelisch-lutherische Kirche als wichtigen Teil des gesellschaftlichen Lebens in Stadt und Region zu präsentieren. Dem von Puschmann geleiteten Fachbereich „Citykirche – Kirche für die Stadt“ und seinen Aktivitäten fällt dabei eine besonders exponierte Rolle zu.

Herausragend und vom Stadtsuperintendenten selbst als „eines der schönsten Erlebnisse meiner Dienstjahre“ bewertet, sind sicherlich die vier Langen Nächte der Kirchen, die 2003 in Hannover ihre Premiere erlebten und seitdem jeweils Zehntausende von Menschen bewegten und begeisterten.

Doch auch Projekte wie die „geistliche Musikschule“ Kinder, Kirche und Musik – kurz KiKiMu –, die Wiedereintrittsstelle „Kirche im Blick“ mit ihrer Vorreiterrolle für ganz Deutschland, die Jugendkirche und das Haus der Religionen mit ähnlich beispielgebender Bedeutung, die HannoverBibel, das Kantatenprojekt „Auf dem Weg“, das Fest der Kirche zum 100jährigen Bestehen des Stadtkirchenverbandes, die Aufführung der geistlichen Verdi-Arien in Zusammenarbeit mit Staatsoper und NDR sowie das vielbeachtete Symposium „Stadt und Kirche im demografischen Wandel“ stehen exemplarisch für wichtige Stationen der letzten zehn Jahre.

„Dies alles war nur möglich, weil viele verschiedene Menschen mit vielen verschiedenen Fähigkeiten hervorragend zusammengearbeitet haben“, zieht der scheidende Stadtsuperintendent Fazit seiner Bemühungen um Kooperation und Kommunikation. Faszinierend an seinem Amt sei für ihn eben auch die große Vielfalt der Möglichkeiten zur Gestaltung und Initiative.

Doch neben allen Erfolgen stehen auch Baustellen, die Wolfgang Puschmann unfertig übergeben muss. „Ich hätte den Stadtkirchenverband gern in einer wirtschaftlich ausgeglichenen Situation verlassen“, gesteht er. Auch begleitet ihn die Sorge um die künftige Finanzierung der Kindertagesstätten in den Ruhestand.

Und dennoch: „Ich bin meinem Schöpfer dankbar, dass ich den Ruhestand überhaupt erreicht habe“, sagt Wolfgang Puschmann. Sein bislang stets reichlich gefüllter Kalender prägt auch seine Pläne für den Ruhestand: Für das kommende Jahr hat er sich vorgenommen, dem bisher alltäglichen Termin-Korsett zu entfliehen. Die Zeit des Aktenstudiums und der Ausschusssitzungen ist vorbei. Familie und Gesundheit sollen im Ruhestand an erster Stelle stehen. Und die Musik – einst neben Philosophie vorübergehend Bestandteil des Studiums – wird gewiss auch endlich mehr Raum im Leben von Wolfgang Puschmann bekommen. – Joachim Stever –






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