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10. März 2009
Kandidat auf der Marktkirchenkanzel

Joachim Zirkler steht als neuer Stadtsuperintendent zur Wahl

Joachim Zirkler
Auf großes Interesse stieß der erste öffentliche Auftritt von Joachim Zirkler in der hannoverschen Marktkirche. Der 54-jährige Pastor der Dresdner Kreuzkirche möchte Stadtsuperintendent in Hannover werden.

Teil des Wahlverfahrens ist die Aufstellungspredigt des Kandidaten, die Zirkler in einem sehr gut besuchten Gottesdienst in der Marktkirche hielt. Mehr als 400 Menschen füllten am Dienstag abend das gotische Gotteshaus, um den möglichen Nachfolger von Wolfgang Puschmann kennenzulernen.

Puschmann war nach mehr als zehnjähriger Tätigkeit als geistlicher Spitzenrepräsentant des Evangelisch-lutherischen Stadtkirchenverbandes Hannover - und damit von rund 216000 Christinnen und Christen in Hannover, Garbsen und Seelze - am 1. Advent in den Ruhestand verabschiedet worden.

Der nächste Schritt nach der Aufstellungspredigt, deren Manuskript Sie unten auf dieser Seite finden, ist die Abstimmung im Stadtkirchentag. Das Parlament wird am Mittwoch, 18. März, zu einer nichtöffentlichen Sitzung zusammenkommen, während der sich Zirkler den Delegierten aus den 64 Gemeinden des Verbandes vorstellt. Anschließend soll der Stadtkirchentag in geheimer Abstimmung seine Entscheidung fällen.


Die Aufstellungspredigt von Joachim Zirkler
in der Marktkirche Hannover am Dienstag, 10. März 2009

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus, der da sagt: „Der Vater wird euch einen Tröster geben, der bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit.“ (Joh.14, 17)

Predigttext: Johannes 18, 33 – 38
Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und fragte ihn: Bist du der König der Juden?
Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dir’s andere über mich gesagt?
Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan?
Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt.
Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.
Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?
Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm.

Liebe Gemeinde,

Was ist Wahrheit?

Vorgestern war der Internationale Frauentag.
Am Frauentag in der früheren DDR bedienten in den Betrieben die Männer die Frauen. Es gab Freesien, Schinkenröllchen und pro Person eine halbe Flasche Wein.
Im Sozialismus war die Gleichberechtigung von Mann und Frau verwirklicht. So stand es in der Verfassung.
Aber war es wahr? Reichte dafür ein Tag im Jahr?

In Westdeutschland wurden in den 80er Jahren die ersten Frauenbeauftragten in die kommunalen Parlamente entsandt, außerdem wurde die Sprache angeglichen: Man redete nicht mehr nur von „man“, sondern auch von „frau“ und achtete auf die doppelte Bezeichnung: Minister und Ministerin, Kircheninspektor und – inspektorin, Besucher und Besucherin usw.

Wurde mit diesem sich ändernden Bewusstsein auch das Sein verändert, so dass die Gleichberechtigung inzwischen selbstverständlich ist? Im heutigen vereinten Deutschland verdienen Frauen im Durchschnitt 22,5 Prozent weniger als Männer. Die Sprache ist das eine, die Realität das andere

Was ist Wahrheit?

„Mit Kirche kann mir keiner mehr kommen, da habe ich ein- für allemal genug. Die Diener des lieben Gottes – das waren Sadisten in Soutane. Kirche ist abschreckend.“ So berichtet ein früheres Waisenkind von seinen Erfahrungen in einem kirchlichen Kinderheim in den 60-er Jahren im Rheinland.

„Ich habe mich noch nie so geborgen und aufgehoben gefühlt wie seit meiner Taufe. Kirche, das ist für mich eine befreiende und beglückende Erfahrung.“ So erzählt die Teilnehmerin eines Kurses „Religion für Neugierige“, der letztes Jahr in Dresden, in Zusammenarbeit Frauenkirche – Kreuzkirche, stattfand.

Was ist Wahrheit?

Was ist Wahrheit, liebe Gemeinde?
Menschliche Wahrheit ist immer subjektiv. Wahrheit hat stets eine persönliche Färbung. Es gibt Wahrheiten, die manchen nutzen und anderen schaden.
Im Marxismus hieß es: Die Wahrheit ist konkret. Es stimmt: Wahrheit existiert nicht unabhängig von menschlichem Denken und von menschlichen Erfahrungen. Im Laufe unseres Lebens legen wir uns unsere Wahrheit zurecht. Damit wir nicht gestört werden, damit wir nicht mehr fragen müssen.
Genau das wusste Pilatus als er zu Jesus sagte:

Was ist Wahrheit?

Der Statthalter des römischen Kaisers in Jerusalem war viel herum gekommen. Er kannte die damalige Welt. Ihm war klar, dass in Rom andere Maßstäbe gelten als in Ägypten oder Judäa. Er hatte schon viele „Wahrheiten“ gehört, von Priestern, von Staatsdienern, von Generälen. Er wusste Bescheid: Jeder will seine Wahrheit hören und bestätigt erhalten, dass er Recht hat.
Jetzt hat er da diesen Jesus vor sich. Er ist so anders als die Menschen, mit denen er bisher zu tun hatte. Er behauptet, ein König zu sein, aber legt auf Macht überhaupt keinen Wert. Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Und er redet von „Wahrheit“:
Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.
Pilatus erkennt eines: Da ist von einer Wahrheit aus einer anderen Welt die Rede. Sie bestätigt nicht das bisherige Leben, sondern stellt es in Frage. Da kommt objektive Wahrheit seiner subjektiven Wahrnehmung entgegen. Dieser göttlichen Wahrheit kann er nichts vormachen, da kann er nichts schönreden, da kann er sich nicht mehr seine Wahrheit selbst zusammensetzen. Er erschrickt: Es könnte sein, dass er sein ganzes Leben ändern müsste.

Pilatus hört die Worte Jesu, aber er blockt sie ab. Er will sich nicht stören lassen in seinem Lebenskonzept. Er ahnt, dass dieser Jesus eine Wahrheit zu verkünden hat, die ihn in Frage stellen könnte. Das will er nicht. Er will sich auf Gottes Wirklichkeit nicht einlassen. Deshalb reagiert er wie die Gebildeten oft reagiert haben: Mit einer Frage, die ihn nicht mehr in Frage stellt, die ablenkt, die vom Konkreten, von der persönlichen Ansprache – Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme - ins Allgemeine führt, in die philosophische Betrachtung: Was ist Wahrheit?

Pilatus will sich nicht berühren lassen von der Botschaft dieses Menschen, aber er will sich auch nichts zu Schulden kommen lassen und so wendet er sich nach der gestellten Frage schnell dem Volk zu und sagt: Ich finde keine Schuld an ihm.

Er möchte so bleiben wie er ist. An seinem Leben soll sich nichts ändern, zugleich möchte er eine weiße Weste behalten. Dieser Spagat gelingt nicht. Er gelingt nie. Auch das ist Wahrheit. Weil er sich und sein Leben nicht in Frage stellen lassen will, wird Pilatus gezwungen, Jesus auszuliefern und somit hineingezogen in einen Schuldzusammenhang, in dem er lebenslang verstrickt bleibt.

Ich denke, unsere Haltung gleicht oft der von Pilatus. Wir möchten baden, aber bitteschön nicht nass werden. Wir möchten eine drohende Umweltkatastrophe verhindern, aber weiter unseren Lebensstil behalten. Wir treten als Christenmenschen gern für Benachteiligte und Arme ein, aber in u n s e r e n Wohnort müssen doch die Flüchtlinge aus Afrika nicht kommen und in u n s e r e m Haus müssen doch nicht unbedingt Hartz IV-Empfänger leben.

Wir kennen im tiefsten Inneren die Wahrheit, aber stellen lieber Fragen, die auf eine abgehobene Ebene führen, wo es uns nicht mehr so direkt betrifft, wo wir mehr die Beobachterrolle einnehmen können. Die Talkshows im Fernsehen zu aktuellen Themen sind dafür ein beredtes Beispiel. Nach einer kurzen Betroffenheitsphase können wir wieder zur Tagesordnung übergehen.

Wir können über die Gleichberechtigung von Mann und Frau diskutieren, können einen Tag im Jahr als Frauentag und einen anderen, wie Gorbatschow es einmal vorschlug, als Männertag begehen. Wir können exakt auf ständige Doppelbezeichnung achten – liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Damit können wir wunderbar ablenken von den Fragen, um die es eigentlich geht: Um die gegenseitige Akzeptanz in der jeweiligen Verschiedenheit und das Aufgeben von Machtpositionen. Damit Frauen und Männer wirklich die gleichen Chancen erhalten.

Wir können über die Rolle der Kirche im Mittelalter, bei der Erziehung von Kindern und in der heutigen Politik diskutieren. Wenn wir nicht darauf kommen, welche Rolle Gott – nicht irgendwie im Allgemeinen – sondern konkret in m e i n e m Leben spielt, dann gerät auch das zum Ablenkungsmanöver.

Wir können darüber diskutieren, ob in kirchlicher Rede bestimmte Begriffe vorkommen müssen und manche wissen trefflich, welche das zu sein haben. „In ihrer Predigt habe ich nur zweimal das Wort Jesus gehört, das ist zuwenig, Herr Pastor“ Wenn die Menschen nicht in ihrem Lebenszusammenhang erreicht werden, bleiben alle frommen Worte leere Hülsen!

Pilatus war gefangen in seinem Denken, in seiner Lebensart, in dem, was er nicht aufgeben wollte. Er war nicht frei, nicht offen für neues Denken. Er wollte sich in Wahrheit nicht stören lassen. Er wollte sich von Gottes Wahrheit nicht stören lassen.

Wenn wir ernsthaft nach der Wahrheit unseres Lebens fragen, dann kommen wir nicht daran vorbei, uns stören zu lassen. Zur Wahrheit gehört, dass das Leben selbst ein Geschenk ist, das wir uns nicht verdient haben, aber für das wir verantwortlich sind. Wahr ist, dass nicht wir allein dieses Geschenk erhalten haben, sondern noch 6 Milliarden andere Menschen. Wahr ist, dass all diese Menschen ein Anrecht auf erfülltes Leben haben. Wahr ist, dass wir deshalb unsere Einstellung zum Leben und unseren Lebensstil zu überprüfen haben. Als Männer und Frauen, als Kinder und Erwachsene, als Menschen, die immer wissen, was richtig ist und als Menschen, die sich stets unsicher sind. Wahr ist, dass wir dringend gestört werden müssen in unserem gewohnten Leben, aber dass genau dies befreiend sein kann. Weil das Leben selbst voller ungeahnter Möglichkeiten steckt, die zu entdecken sich lohnt. Wer nicht aufbricht, kann neue Ufer nicht erreichen. Aber wer sich stören lässt, sich bewegt und aufbricht, kann die Erfahrung von wahrer Freiheit machen:

Jesus sagt: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.“
Möge Gott uns solche Erkenntnis und solche Freiheit schenken. Damit Kirche nicht nur für Tradition, sondern auch für Aufbruch steht!

Amen.






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